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EU-Mitgliedschaftsreferendum im Vereinigten KĂśnigreich 2016
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Das Referendum Ăźber den Verbleib des Vereinigten KĂśnigreichs in der Europäischen Union (englisch Referendum on the UKâs membership of the European Union), auch als EU-Referendum oder Brexit-Referendum bezeichnet, war ein konsultatives Referendum (Volksbefragung). Es fand am 23. Juni 2016 statt.
Wahlberechtigt waren etwa 46,5 Millionen BĂźrger des Vereinigten KĂśnigreichs, Irlands und des Commonwealth, sofern sie in GroĂbritannien, Nordirland oder Gibraltar leben.cite-ref-1[1] Die Wahlbeteiligung betrug 72,2 %. FĂźr einen Austritt des Vereinigten KĂśnigreichs aus der Europäischen Union (âBrexitâ) stimmten 51,9 % der Wähler (etwa 17,4 Millionen bzw. 37,4 % der wahlberechtigten BĂźrger); fĂźr einen Verbleib in der Europäischen Union stimmten 48,1 % (etwa 16,1 Millionen bzw. 34,7 % der wahlberechtigten BĂźrger).cite-ref-2[2]
Ein konsultatives Referendum ist nicht bindend. Vor einem mĂśglichen EU-Austritt des Vereinigten KĂśnigreichs musste die Regierung dem Europäischen Rat die Absicht auszutreten mitteilen. AnschlieĂend hatten die Regierung und der Europäische Rat zwei Jahre Zeit, ein Abkommen Ăźber die Einzelheiten des Austritts auszuhandeln, welches der Europäische Rat nach Zustimmung des Europäischen Parlaments mit qualifizierter Mehrheit beschlieĂen musste.cite-ref-austritt-3-0[3] Da das Abkommen nach zwei Jahren noch nicht ausverhandelt war, wurden durch einen einstimmigen Beschluss des Rates diese Verhandlungen zum Abkommen verlängert.
Contents
⢠Vorgeschichte
⢠AuslÜser 2011
⢠Rechtsgrundlagen
⢠Wahlrecht
⢠Mord an Jo Cox
⢠Minister
⢠Britische Medien
⢠Gibraltar
⢠Ergebnisse
⢠Gesamtergebnis
⢠Wirtschaft
⢠Weblinks
⢠Einzelnachweise
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Vorgeschichte
Siehe auch
:
EU-Mitgliedschaft des Vereinigten KĂśnigreichs
Referendum von 1975
Das Vereinigte KÜnigreich unter Premierminister Edward Heath trat am 1. Januar 1973 im Rahmen der sogenannten Norderweiterung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) bei. Als die oppositionelle Labour-Partei 1974 an die Macht kam, veranlasste der neue Premierminister Harold Wilson ein Referendum ßber die weitere Mitgliedschaft oder einen Wiederaustritt des Landes. Während die meisten Gewerkschaften und Labourabgeordneten gegen einen Verbleib waren, waren die Konservative Partei unter ihrer neuen Vorsitzenden Margaret Thatcher, ebenso wie die Wirtschaftsverbände, fßr die Mitgliedschaft. Die Wähler entschieden sich mit etwa 67 % fßr einen Verbleib, bei einer Wahlbeteiligung von 65 %.cite-ref-4[4]
Siehe auch
:
Britenrabatt
GrĂźndung von Referendumsparteien
Bis in die 1980er Jahre kam die Kritik an der Mitgliedschaft weiterhin hauptsächlich aus den Reihen der Labour Party und den Gewerkschaften. Das änderte sich, nachdem europäische Politiker, insbesondere Jacques Delors, Helmut Kohl und andere, fßr eine weitergehende politische Union der europäischen Staaten plädierten. Margaret Thatcher erteilte jedoch 1988 in einer vielbeachteten Rede in Brßgge diesen Plänen eine Absage.cite-ref-5[5] Nichtsdestoweniger befßrwortete sie den Beitritt des Pfundes im Oktober 1990 in das Europäische Währungssystem.
Die Ausarbeitung und Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht 1992 verschärfte diese innerparteilichen Diskussionen, da dieser nicht nur einen Binnenmarkt, sondern auch eine Währungsunion und die Schaffung einer weitergehenden politischen Union als Ziel ins Auge fasste. Auch auĂerhalb der Konservativen Partei sammelten sich die Maastricht-Gegner: der Milliardär Sir James Goldsmith grĂźndete 1994 die Referendum Party, die allerdings 1997 mit seinem Tod zerfiel, und der Historiker Alan Sked grĂźndete 1991 die Anti-Federalist League, aus der später die United Kingdom Independence Party (UKIP) hervorging und die durch den Fernsehmoderator Robert Kilroy-Silk Bekanntheit erlangte. UKIP forderte von Beginn an ein landesweites Referendum Ăźber die weitere EU-Mitgliedschaft des Vereinigten KĂśnigreichs.
In den Meinungsumfragen gewann UKIP kontinuierlich an Zustimmung hinzu. Bei den Unterhauswahlen drßckte sich das jedoch nicht in Form von Parlamentsmandaten aus, da UKIP durch das geltende relative Mehrheitswahlrecht stark benachteiligt wurde. UKIP bezog seine Wähler vor allem aus dem Wählerpotential der Konservativen Partei in Sßdengland sowie aus der Labour Party in Nordengland und Wales. Die Regierung geriet zunehmend unter Druck. Der konservative Abgeordnete Douglas Carswell lief 2014 zu UKIP ßber und wurde durch eine Nachwahl in seinem Wahlkreis bestätigt. Im selben Jahr wurde UKIP bei den Europaparlamentswahlen mit 27,5 % der Stimmen stärkste britische Partei noch vor den Konservativen und Labour, allerdings bei einer Wahlbeteiligung von nur 36 %.
Haltung der britischen Parteien
Angesichts des Wachstums der EU-skeptischen UKIP wurde auch an den britischen Premierminister die Frage nach einem mÜglichen EU-Mitgliedschafts-Referendum herangetragen. Der seit der Unterhauswahl 2010 amtierende konservative Premierminister David Cameron lehnte Forderungen nach einem Referendum zunächst rundweg ab.cite-ref-6[6]
AuslĂśser 2011
Nach Camerons eigenen Angaben (in der 2019 ausgestrahlten BBC-Dokumentation The Cameron Years) war ein EU-Gipfel am 8. Dezember 2011 AuslĂśser fĂźr sein Versprechen eines Brexit-Referendums. An diesem 8. Dezember hatten Angela Merkel und Nicolas Sarkozy eine Ănderung des Lissabon-Vertrags gefordert, um den Euro zu stabilisieren. Cameron wollte dem nur zustimmen, wenn die anvisierte Vertragsänderung auch britische Interessen berĂźcksichtigte, was aber Merkel und Sarkozy ablehnten. Cameron legte daraufhin sein Veto gegen eine Ănderung des EU-Vertrages ein. Nichtsdestotrotz vereinbarte eine Mehrheit der EU-Länder einen Untervertrag zur Stabilisierung des Euros (ESM). In Camerons Worten bedeutete dieses Ignorieren eines Vetos, dass die Interessen und die âLage des Vereinigten KĂśnigreiches in der EU eigentlich zutieftst unstabilâ war. Aufgrund dieser Erfahrung kam Cameron angeblich Ăźber Weihnachten 2011 zum Schluss, dass âwir in der Tat versuchen mussten, die Instabilität von Britanniens Position innerhalb der EU zu ankern, sichern und ordnen, und ich traf die Entscheidung, dass es Zeit war, sich in Richtung eines Referendums zu bewegen.âcite-ref-7[7]cite-ref-8[8]
Cameron erklärte schlieĂlich am 23. Januar 2013, dass er, sofern er dann immer noch Premierminister wäre, spätestens im Jahr 2017 ein solches Referendum Ăźber den weiteren Verbleib des Landes in der EU abhalten lassen werde. Zuvor wolle er mit seinen europäischen Partnern verhandeln, um eine Reform der EU entsprechend den britischen Vorstellungen zu erreichen.cite-ref-9[9] Eigenen Angaben zufolge war sein Ziel daher nie der tatsächliche Austritt aus der EU, sondern vielmehr, mit dem Referendum Druck auf die EU fĂźr die Reformverhandlungen aufzubauen.
Die EU-kritischen Parteien UKIP und British National Party (BNP) begrĂźĂten die AnkĂźndigung des Referendums. Auch die GrĂźne Partei von England und Wales, die sich prinzipiell fĂźr den Verbleib in der EU aussprach, unterstĂźtzte das Konzept des Referendums als âChance, ein besseres Europa zu erbauenâ.cite-ref-10[10] Die Labour Party lehnte dagegen unter der FĂźhrerschaft von Ed Miliband 2010 bis 2015 das Konzept des Referendums ab, wenn nicht ein weiterer Transfer von Kompetenzen von London nach BrĂźssel anstehe.cite-ref-11[11] Auch die proeuropäischen Liberaldemokraten sprachen sich in ihrem Wahlmanifest vor der Wahl 2015 gegen ein Referendum aus, wenn keine Ănderung der europäischen Verträge zu erwarten ist.cite-ref-12[12]
Camerons EU-Reformverhandlungen 2014â2016
Anfang 2014 umriss Premierminister David Cameron die Reformen, die er fĂźr die EU und fĂźr das Verhältnis zwischen der EU und GroĂbritannien erreichen wollte.cite-ref-dt14-13-0[13] Diese waren:
⢠Zusätzliche Einwanderungskontrollen (insbesondere fßr neue EU-Mitgliedsländer) sowie strengere Einwanderungsregeln fßr aktuelle EU-Bßrger (was jedoch dem Grundrecht auf Freizßgigkeit widersprach);
⢠Ein kollektives Vetorecht nationaler Parlamente gegen Gesetzesvorhaben der EU (sogenannte rote Karte);
⢠Neue Freihandelsabkommen und ein Bßrokratieabbau fßr Unternehmen;
⢠Eine Reduktion des Einflusses des Europäischen Gerichtshofs fßr Menschenrechte (der jedoch unabhängig von der EU ist) auf die britische Polizei und die britische Gerichtsbarkeit;
⢠Generell mehr Macht fßr die einzelnen Mitgliedsstaaten und weniger fßr die EU-Institutionen;
⢠Eine Absage an das Prinzip einer âimmer engeren Unionâ, welches als fundamentaler Grundsatz in der Präambel des EU-Vertrags festgeschrieben ist.
Cameron wollte diese Reformen durch eine Reihe von Verhandlungen mit EU-Fßhrern erreichen, und dann, falls er wiedergewählt wßrde, ein Referendum ankßndigen.
Nach intensiven, monatelangen Verhandlungen mit allen europäischen Regierungschefs verkĂźndete Cameron am 2. Februar 2016, dass seine Verhandlungen erfolgreich abgeschlossen seien.cite-ref-eu-draft-14-0[14] Details mĂźssten noch ausgearbeitet werden, aber das vorläufige Verhandlungsergebnis âkĂśnne sich sehen lassenâ. Die einzelnen Elemente des zwischen EU-Ratspräsident Donald Tusk und David Cameron ausgehandelten Abkommens wurden in einem Brief Tusks an die Mitglieder des Europäischen Rates, der am 2. Februar 2016 verĂśffentlicht wurde, konkretisiert.cite-ref-15[15] Im Einzelnen umfassten die vereinbarten Punkte die KĂźrzung der AnsprĂźche auf Sozialleistungen fĂźr Migranten aus EU-Staaten im Vereinigten KĂśnigreich, die Zusicherung, dass das Vereinigte KĂśnigreich ein Opt-out-Recht bei einer eventuell zukĂźnftigen vertraglichen Vertiefung der Europäischen Union behalten werde, sowie Vereinbarungen, dass die Nicht-Euro-Länder kĂźnftig in der EU nicht schlechter gestellt werden wĂźrden als die Länder, die den Euro als Währung eingefĂźhrt haben. Weitere Vereinbarungen umfassten die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der EU sowie die Abwehr des Terrorismus, notfalls durch nationale MaĂnahmen im Alleingang.cite-ref-eu-draft-14-1[14]
Nach Bekanntgabe des vorläufigen Abkommens reiste Cameron in verschiedene europäische Länder, unter anderem nach Dänemark und Polen, um dort fĂźr die Zustimmung zu den Abmachungen zu werben. FĂźr letzte Verhandlungen und die Beschlussfassung wurde ein Treffen des Europäischen Rates in BrĂźssel einberufen, das am 18. Februar 2016 begann.cite-ref-16[16] Am späten Abend des 19. Februar 2016, nach mehr als 18-stĂźndigen Verhandlungen, gaben die EU-Regierungschefs bekannt, dass eine Einigung erzielt worden sei. Dem Vereinigten KĂśnigreich wurde zugestanden, in den kommenden sieben Jahren Arbeitnehmern aus anderen EU-Staaten erst nach vier Jahren dieselben Sozialleistungen zu gewähren wie britischen BĂźrgern. Die HĂśhe des ausbezahlten Kindergeldes soll, wenn die Kinder im Ausland leben, an die dortigen Lebenshaltungskosten gekoppelt werden. Diese Regelung soll ab 2020 auch von anderen EU-Staaten angewandt werden kĂśnnen. Der betroffene Staat muss aber zuvor die Einschränkungen mit einer âNotlageâ des Sozialsystems begrĂźnden und die Erlaubnis der EU-Kommission einholen. Bekräftigt wurde auch, dass das Vereinigte KĂśnigreich sich nicht an der weiteren europäischen Integration beteiligen sowie den Euro auch in Zukunft nicht einfĂźhren mĂźsse. Camerons Forderung nach mehr Mitspracherecht bei Entscheidungen der Eurozone wurde dagegen in der Gipfelerklärung entgegnet, dass GroĂbritannien als Nicht-Euro-Mitglied kein Vetorecht in Belangen der Währungsunion erhält.cite-ref-17[17]cite-ref-18[18]
Während die britische Regierung das Ergebnis als Erfolg bewertete, betrachtete die Leave-Kampagne Camerons EU-Reformverhandlungen freilich als fehlgeschlagen.
Nach dem Referendum erklärten Vertreter des Europäischen Rates, der EU-Kommission und des Europäischen Parlaments die Ergebnisse der Verhandlungen mit GroĂbritannien fĂźr âhinfälligâ. Es werde keine Neuverhandlungen geben.cite-ref-19[19]
Rechtsgrundlagen
Um das Referendum im Vereinigten KĂśnigreich und in Gibraltar zu ermĂśglichen, wurden zwei Rechtsakte erlassen. Der European Union Referendum Act 2015cite-ref-20[20] wurde vom House of Commons (Unterhaus) des Parlamentes des Vereinigten KĂśnigreichs verabschiedet und erhielt die kĂśnigliche Einwilligung am 17. Dezember 2015. Der European Union (Referendum) Act 2016cite-ref-21[21] wurde vom Gibraltar Parliament beschlossen und erhielt die kĂśnigliche Einwilligung am 28. Januar 2016. Das geplante Referendum wurde in die kĂśnigliche Thronrede vom 27. Mai 2015 aufgenommen.cite-ref-22[22] Bei der zweiten Lesung des EU Referendum Act am 9. Juni 2015 stimmten die Mitglieder des House of Commons mit 544 gegen 53 zugunsten des Gesetzes zur DurchfĂźhrung des Referendums. Nur Mitglieder der Scottish National Party stimmten gegen das Gesetz.cite-ref-23[23]
Rahmenbedingungen
Zeitpunkt des Referendums
In seiner AnkĂźndigung des Referendums äuĂerte der Premierminister, das Referendum solle âspätestens Ende 2017â stattfinden. Cameron begrĂźndete diese vage Aussage damit, dass es ungewiss sei, wann seine Verhandlungen Ăźber eine Reform der EU zu einem Abschluss kämen. Ende 2015 und Anfang 2016 mehrten sich die Anzeichen, dass das Referendum schon im Jahr 2016 stattfinden werde. In einer Rede am 18. Dezember 2015 sprach Cameron davon, das Vereinigte KĂśnigreich stehe im Jahr 2016 vor wichtigen Entscheidungen; 2016 sei das Jahr der EU-Reform.cite-ref-24[24] In einem Interview am 10. Januar 2016 bekräftigte er seine Zuversicht, dass er seine Verhandlungen mit der EU im Februar 2016 abschlieĂen werde. Zugleich lehnte er einen RĂźcktritt ab, falls es zu einem mehrheitlichen Votum fĂźr den EU-Austritt käme.cite-ref-25[25] Nach dem vorläufigen Abschluss von Camerons Verhandlungen mit EU-Spitzenpolitikern Anfang Februar 2016 spekulierten Kommentatoren, dass das Referendum schon im Juni 2016 stattfinden kĂśnne.cite-ref-eu-draft-14-2[14] Dagegen wandten sich die drei First Minister von Schottland (Nicola Sturgeon), Wales (Carwyn Jones) und Nordirland (Arlene Foster), da am 5. Mai 2016 die Wahlen zu den Regionalparlamenten von Wales, Schottland und Nordirland angesetzt waren. Die enge Aufeinanderfolge von so verschiedenen Wahlereignissen kĂśnnte die Wähler verwirren.cite-ref-26[26]
Am 20. Februar nannte Cameron den 23. Juni 2016 als Termin des Referendums.cite-ref-27[27]
Frage des Referendums
Es wurden verschiedene Formulierungen fĂźr die Frage des Referendums diskutiert. Die Electoral Commission, eine vom britischen Parlament eingesetzte Kommission, schlug am 1. September 2015 folgenden âmĂśglichst neutralen und verständlichen Wortlautâ vor:
âShould the United Kingdom remain a member of the European Union or leave the European Union? O Remain a member of the European Union O Leave the European Unionâ
âSollte das Vereinigte KĂśnigreich Mitglied der Europäischen Union bleiben oder die Europäische Union verlassen? O Mitglied der Europäischen Union bleiben O Die Europäische Union verlassenâ
â
Electoral Commission
:
Vorschlag fĂźr die Frage des Referendums
Bzw. in walisischer Sprache:
âA ddylaiâr Deyrnas Unedig aros yn aelod oâr Undeb Ewropeaidd neu adael yr Undeb Ewropeaidd? O Aros yn aelod oâr Undeb Ewropeaidd O Gadael yr Undeb Ewropeaiddâ
Die Regierung Cameron akzeptierte den Vorschlag der Electoral Commission am selben Tag.cite-ref-29[29]
Wahlrecht
Nach dem European Union Referendum Act 2015 waren alle britischen StaatsbĂźrger in England, Schottland, Wales und Nordirland, die Ăźber 18 Jahre alt sind, abstimmungsberechtigt. Ebenfalls wahlberechtigt waren Ăźber 18-jährige StaatsangehĂśrige von Commonwealth-Staaten, von Gibraltar sowie StaatsangehĂśrige der Republik Irland, die ihren dauerhaften Wohnsitz im Vereinigten KĂśnigreich haben. Die Zahl der wahlberechtigten Personen aus Commonwealth-Staaten im Vereinigten KĂśnigreich wurde auf 894.000 bis Ăźber 960.000 geschätzt. Diese Regelung rief Kritik hervor. Kritiker äuĂerten die Ansicht, dass nur britische StaatsbĂźrger Ăźber vitale britische Interessen abstimmen sollten. Das Abstimmungsverhalten der Personen ohne britische StaatsangehĂśrigkeit wurde unterschiedlich eingeschätzt. Einige vermuteten, dass Wähler aus Irland, Zypern und Malta eher gegen den âBrexitâ stimmen wĂźrden, da ihre Heimatstaaten EU-Mitglieder seien. Andere wiesen darauf hin, dass Wähler aus den nicht-europäischen Commonwealth-Staaten (z. B. Indien und Australien) eher geneigt sein kĂśnnten, fĂźr den EU-Austritt zu stimmen, da sich das Vereinigte KĂśnigreich nach einem EU-Austritt politisch und wirtschaftlich verstärkt in Richtung des Commonwealth orientieren wĂźrde.cite-ref-30[30]
Auch im Ausland lebende britische BĂźrger (âExpatsâ), die sich innerhalb der letzten 15 Jahre fĂźr die Teilnahme an Wahlen im Vereinigten KĂśnigreich registriert hatten, durften an der Abstimmung teilnehmen. Wer jedoch seit Ăźber 15 Jahre im Ausland lebte, war von der Wahl ausgeschlossen; es handelte sich dabei Schätzungen zufolge um mehr als 60 % der circa 4,9 Millionen im Ausland lebenden Briten.cite-ref-31[31] Nicht wahlberechtigt waren StaatsangehĂśrige von EU-Staaten, selbst wenn sie schon seit Jahrzehnten im Land gelebt hatten oder mit einem Briten verheiratet waren. Ebenfalls nicht wahlberechtigt waren Bewohner der Kronbesitzungen der britischen Krone (Isle of Man, Kanalinseln), da diese nicht Mitglieder der Europäischen Union sind. Ebenso war es den Einwohnern von Ăberseegebieten wie beispielsweise Anguilla nicht erlaubt, mit abzustimmen.
Um wählen zu kĂśnnen, musste der Abstimmende im Wählerregister registriert sein. Eine Registrierung fĂźr die Teilnahme an der Abstimmung konnte ursprĂźnglich bis zum Abend des 7. Juni 2016 erfolgen; die Registrierung war auch online mĂśglich.cite-ref-32[32] Die letzten Termine fĂźr den Antrag auf Briefwahl waren der 3. Juni 2016 (Nordirland) bzw. 8. Juni 2016 (Ăźbriges Vereinigtes KĂśnigreich). Politiker verschiedener Richtungen äuĂerten die BefĂźrchtung, dass viele potentielle Wähler den Registrierungs-Termin versäumen kĂśnnten. Vor der letzten Unterhauswahl im Jahr 2015 seien 186.000 Anträge auf Wählerregistrierung nicht berĂźcksichtigt worden, weil sie zu spät eingegangen waren. Im Jahr 2014 seien 7,5 Millionen Personen nicht in die Wählerregister eingetragen gewesen.cite-ref-33[33] Nachdem die Internetseite zur Online-Registrierung aufgrund einer Computerpanne am Abend des 7. Juni 2016 zeitweilig nicht erreichbar war, wurde die Frist zur Wählerregistrierung bis zum Tagesende des 9. Juni 2016 verlängert.cite-ref-34[34]cite-ref-35[35] Am 8. und 9. Juni 2016 gingen insgesamt 437.000 Anträge auf Wählerregistrierung ein. Die Ausweitung der Registrierungsfrist wurde von einigen Brexit-BefĂźrwortern wie Arron Banks als VerstoĂ gegen die Regeln kritisiert. Verspätet registriert hatten sich vor allem Jungwähler, die eher als BefĂźrworter der EU-Mitgliedschaft gelten.cite-ref-36[36]
Kampagne vor dem Referendum
Im Vorfeld der kommenden Abstimmung formierten sich verschiedene Interessengruppen, die fĂźr oder gegen den EU-Austritt warben.
Am 23. Januar 2016 wurde die GrĂźndung einer parteiĂźbergreifenden Gruppe Grassroots Out, die fĂźr den EU-Austritt wirbt, bekanntgegeben.cite-ref-38[38] Zu der Gruppe gehĂśren unter anderem Nigel Farage (UKIP), die Labour-Politikerin Kate Hoey und der ehemalige konservative Minister Liam Fox. Schon länger warben die im Oktober 2015 gegrĂźndete Interessengruppe Vote Leavecite-ref-39[39] und Leave.EU,cite-ref-40[40] die ebenfalls parteiĂźbergreifend aktiv sind, fĂźr den Austritt. In der Initiative Labourleave sammelten sich Personen, die der Labour-Partei nahestehen oder ihr angehĂśren, um fĂźr den EU-Austritt zu werben.cite-ref-41[41] Auf der Seite der Mitgliedschafts-BefĂźrworter formierte sich in den Reihen der Konservativen Partei die Gruppierung Conservatives for Reform in Europe unter FĂźhrung des ehemaligen Ministers Nick Herbert.cite-ref-42[42] Die grĂśĂte parteiĂźbergreifende Vereinigung der MitgliedschaftsbefĂźrworter ist Britain Stronger in Europe unter der FĂźhrung von Stuart Rose.cite-ref-43[43] In der Initiative Business for New Europe formierten sich Wirtschaftsvertreter, die fĂźr einen Verbleib in der EU eintreten.cite-ref-44[44]
Am 21. Februar 2016 erklärte Londons frĂźherer BĂźrgermeister Boris Johnson, Mitglied der Konservativen Partei, dass er sich der Kampagne fĂźr den EU-Austritt anschlieĂe,cite-ref-45[45] obwohl er noch zwei Tage zuvor eindringlich fĂźr einen Verbleib in der EU plädiert hatte.cite-ref-46[46] Er verbreitete mit dem âVote Leaveâ-Chefstrategen Dominic Cummings unter anderem auf seinem roten Kampagnenbus die falsche Behauptung, die EU koste GroĂbritannien jede Woche 350 Millionen Pfund, die besser in den National Health Service zu investieren seien.cite-ref-spon-1099198-47-0[47] Die tatsächliche Summe liegt nach Auskunft des britischen Schatzamts unter BerĂźcksichtigung des Britenrabatts bei einem Bruttobetrag von 252 Millionen Pfund (wobei die Erträge durch die EU-Mitgliedschaft noch nicht gegengerechnet sind).cite-ref-48[48]cite-ref-49[49] Ex-Premierminister John Major nannte die Kampagne von Vote Leave âbetrĂźgerischâ (deceitful).cite-ref-50[50]cite-ref-51[51] Ungeachtet der Kritik behauptete Vote Leave weiterhin, die genannte Ăberweisungssumme sei korrekt.
Zuwanderung und Wirtschaft waren die wichtigsten Themen der beiden Lager. âUnkontrollierte Zuwanderungâ, bei der Ausländer aus ärmeren Ländern ins Vereinigte KĂśnigreich âgestrĂśmtâ seien, weil man die Kontrolle der eigenen Grenzen aufgegeben habe, war das zentrale Argument von BefĂźrwortern eines Brexit; deren Schlagworte hieĂen Take back control (âKontrolle wiedererlangen!â) bzw. I want my country back (âIch will mein Land zurĂźckhabenâ). Johnson und seine Kollegen betonten, die Einwanderung mĂźsse nach australischem Vorbild unter Kontrolle gebracht werden, was nur auĂerhalb der EU mĂśglich sei. Auch diese Behauptung war nicht ganz korrekt, da GroĂbritannien auch als EU-Mitglied die Einwanderung aus Nicht-EU-Staaten selbst regeln kann. Die Brexit-Gegner hatten versucht, die positiven wirtschaftlichen EinflĂźsse der EU in den Vordergrund zu stellen (Britain stronger in Europe â âBritannien ist stärker als Teil Europas!â).cite-ref-52[52]
Am 13. April 2016 wurden durch die Wahlkommission (Electoral Commission) die beiden Vereinigungen Vote Leave und Britain Stronger in Europe als die fßhrenden Kampagnen-Organisationen fßr den Austritt bzw. den Verbleib des Vereinigten KÜnigreichs in der EU anerkannt. Sie erhielten 700.000 Pfund Sterling aus Steuermitteln und ein Anrecht auf eine gewisse Werbezeit im Fernsehen. Beide Organisationen waren berechtigt, im Wahlkampf bis zu 7 Millionen Pfund Sterling (8,8 Millionen Euro) auszugeben, während andere Organisationen stark beschränkt waren.
Zwischen der durch die Konservativen Boris Johnson und Michael Gove und die deutschgebĂźrtige Labourabgeordnete Gisela Stuart angefĂźhrten Vote-Leave- und der im Wesentlichen durch UKIP unter Nigel Farage gefĂźhrten Grassroots-Out-Gruppierung hatte es zuvor Streitigkeiten gegeben, wer die Kampagne der EU-Gegner anfĂźhren und welche Taktik verfolgt werden solle.cite-ref-53[53] Die Wahlkommission begrĂźndete ihre Entscheidung fĂźr Vote Leave mit einer grĂśĂeren Organisationskapazität und breiteren Abdeckung des Meinungsspektrums (greater depth of representation) durch Vote Leave.cite-ref-54[54] Arron Banks, der Multimillionär und Haupt-Finanzier von Leave.EU, die Bewegung, die sich ebenfalls Hoffnungen gemacht hatte, als offizielle Kampagnenorganisation der EU-Gegner anerkannt zu werden, kĂźndigte an, die Entscheidung der Wahlkommission rechtlich prĂźfen lassen zu wollen.cite-ref-55[55] Er unterstĂźtzte Leave.EU und UKIP mit insgesamt zwĂślf Millionen Pfund, der bisher hĂśchsten bekanntgewordenen politischen Spende im Vereinigten KĂśnigreich.cite-ref-56[56]
In GroĂbritannien wurden die beiden politischen Lager entsprechend der Fragestellung beim Referendum am 23. Juni 2016 meist mit Remain (fĂźr den Verbleib) und Leave (fĂźr den Austritt) tituliert â daneben gab es auch den Begriff Bremain als Pendant zum Begriff Brexit.cite-ref-57[57] Umgangssprachlich wurde von der in campaign und der out campaign gesprochen.
Die in England populäre Premier League trat wenige Tage vor der Abstimmung fßr einen Verbleib des Vereinigten KÜnigreichs in der Europäischen Union ein.cite-ref-58[58]cite-ref-59[59]
EU-Kommissionspräsident Juncker merkte kurz vor dem Wahltag an, das mit Cameron ausgehandelte Reformpaket habe in der Debatte Ăźber den Brexit in den vergangenen Monaten keine Rolle gespielt; er schloss Nachverhandlungen aus.cite-ref-60[60] Genau einen Monat nach dem Referendum enthĂźllte BBC Newsnight, dass Cameron in den letzten Tagen vor dem Wahltermin mit Bundeskanzlerin Merkel telefoniert hatte, um eine Ăśffentliche Zusage fĂźhrender EU-Politiker (Juncker, den franzĂśsischen Präsidenten Hollande und den Europaratspräsidenten Donald Tusk) in Sachen Migrationskontrolle zu erwirken, diesen Plan aber schlieĂlich aufgab.cite-ref-61[61]
Mord an Jo Cox
Am Donnerstag, den 16. Juni 2016 wurde die Labour-Abgeordnete Jo Cox in ihrem Wahlkreis Batley and Spen durch ein Schusswaffen- und Messerattentat umgebracht. Der psychisch gestĂśrte Attentäter Thomas Mair, ein 52-jähriger Nationalist, hatte dabei âBritain first!â (âBritannien zuerst!â) gerufen. Er wurde wenig später festgenommen. Die Abgeordnete Cox war fĂźr die EU-Mitgliedschaft sowie fĂźr ethnische Diversität in ihrem Wahlkreis und fĂźr eine Flugverbotszone in Syrien eingetreten.
Beide Lager setzten sofort ihren Wahlkampf aus, zunächst bis Samstag, dann bis zur parlamentarischen Gedenksitzung am Montag.cite-ref-62[62]cite-ref-63[63] Nigel Farage hatte wenige Stunden vor dem Attentat sein kontroverses Plakat Breaking Point enthßllt, das eine lange Schlange von männlichen Flßchtlingen an der slowenischen Grenze im Oktober 2015 zeigte; nach Protesten wurde es am selben Tag zurßckgezogen.cite-ref-64[64] Auch Brexit-Befßrworter wie Michael Gove distanzierten sich von der Aktion.cite-ref-65[65]
Positionen von Parteien, Politikern und Medien
Politische Parteien
Die meisten politischen Parteien verĂśffentlichten eine offizielle Stimmempfehlung. In einigen Parteien, insbesondere in der Labour-Partei, gab es prominente Politiker, die Ăśffentlich eine andere Auffassung als die offizielle Parteilinie vertraten. Die Konservative Partei verĂśffentlichte keine Stimmempfehlung.
| Partei | Partei | Landesteil [ Anm. 1 ] | FĂźr einen weiteren Verbleib in der EU | Ref. |
|---|---|---|---|---|
| | Liberal Democrats | GroĂbritannien | Ja | [ 66 ] |
| | Labour Party | GroĂbritannien | Ja | [ 67 ] [ 68 ] |
| | Green Party of England and Wales | England und Wales | Ja | [ 69 ] |
| | Scottish Green Party | Schottland | Ja | [ 70 ] |
| | Green Party in Northern Ireland | Nordirland | Ja | [ 71 ] |
| | Plaid Cymru | Wales | Ja | [ 72 ] |
| | Scottish National Party | Schottland | Ja | [ 73 ] [ 74 ] |
| | Sinn FĂŠin | Nordirland | Ja | [ 75 ] |
| | Social Democratic and Labour Party | Nordirland | Ja | [ 76 ] |
| | Alliance Party | Nordirland | Ja | [ 77 ] [ 78 ] |
| | Ulster Unionist Party | Nordirland | Ja | [ 79 ] |
| | Conservative Party | Vereinigtes KĂśnigreich | Neutral | [ 80 ] [ 81 ] [ 82 ] |
| | Democratic Unionist Party | Nordirland | Nein | [ 83 ] |
| | Traditional Unionist Voice | Nordirland | Nein | [ 84 ] |
| | UK Independence Party | Vereinigtes KĂśnigreich | Nein | [ 85 ] |
Anmerkungen
cite-note-661. Gemeint sind die Landesteile des Vereinigten KĂśnigreichs, in denen die betreffende Partei bei Wahlen kandidiert.
Unter den kleineren Parteien befĂźrworteten die Respect Party,cite-ref-87[86]cite-ref-88[87] die Trade Unionist and Socialist Coalition (TUSC),cite-ref-89[88] Independence from Europe,cite-ref-90[89] und die British National Party (BNP)cite-ref-91[90] den EU-Austritt. Die Scottish Socialist Party (SSP) sprach sich fĂźr ein Verbleiben in der EU aus.cite-ref-92[91]
Einzelne Politiker
Einzelne prominente Politiker machten ihren Standpunkt, der nicht immer der offiziellen Parteiempfehlung entsprach, Ăśffentlich deutlich. Nachfolgend sind Politiker aufgelistet, die entgegen der offiziellen Parteilinie abstimmen wollten oder deren Partei keine offizielle Stimmempfehlung verĂśffentlichte.
| Politiker | Partei | Verbleib in der EU | Ref. |
|---|---|---|---|
| Michael Heseltine | Conservatives | Ja | [ 92 ] |
| John Major | Conservatives | Ja | [ 93 ] |
| William Hague | Conservatives | Ja | [ 94 ] |
| David Willetts | Conservatives | Ja | [ 95 ] |
| Kenneth Clarke | Conservatives | Ja | [ 96 ] |
| Nigel Lawson | Conservatives | Nein | [ 97 ] |
| Norman Lamont | Conservatives | Nein | [ 97 ] |
| Daniel Hannan | Conservatives | Nein | [ 98 ] |
| Norman Tebbit | Conservatives | Nein | [ 98 ] |
| Michael Howard | Conservatives | Nein | [ 99 ] |
| Jacob Rees-Mogg | Conservatives | Nein | [ 100 ] |
| Liam Fox | Conservatives | Nein | [ 101 ] |
| Chris Grayling | Conservatives | Nein | [ 102 ] |
| Boris Johnson | Conservatives | Nein | [ 103 ] |
| Zac Goldsmith | Conservatives | Nein | [ 104 ] |
| Austin Mitchell | Labour | Nein | [ 105 ] |
| Gisela Stuart | Labour | Nein | [ 106 ] |
| Lewis Moonie | Labour | Nein | [ 107 ] |
| Jenny Jones | Green Party (E & W) | Nein | [ 108 ] |
Als schwerer Schlag gegen die Pro-EU-Kampagne des Premierministers wurde die Erklärung des Londoner Bßrgermeisters Boris Johnson am 21. Februar 2016 bewertet, dass er die Kampagne fßr den EU-Austritt unterstßtzen werde.cite-ref-boris-104-1[103] Er war zwar nicht Kabinettsminister, nahm aber ohne Portfolio an Kabinettssitzungen teil. Johnson avancierte zu einer Fßhrungsfigur der EU-Gegner. Er galt als eine von drei Personen in der Konservativen Partei, die David Cameron politisch beerben kÜnnten (neben Theresa May und George Osborne).
Premierminister Cameron
Premierminister Cameron stellte den Ministern seines Kabinetts, allesamt Tories, die Entscheidung bei der Abstimmung frei, er entband sie also von der Kabinettsdisziplin. Diese Politik des Premierministers wurde auch kritisiert. Ein unterschiedliches Abstimmungsverhalten in einer so entscheidenden Frage kĂśnnte sich leicht zu einer allgemeinen FĂźhrungskrise der Regierung ausweiten, die im Unterhaus seit der Wahl 2015 nur eine knappe Mehrheit (331 von 650 Sitzen) habe. Die Regierungsmehrheit und die Autorität des Premierministers kĂśnnten leicht Ăźber den Europa-Streitigkeiten zerbrechen, ähnlich wie es Ende der 1990er Jahre bei der konservativen Regierung unter John Major der Fall gewesen sei.cite-ref-110[109] Es wurde auch diskutiert, ob David Cameron noch Premierminister bleiben kĂśnne, wenn die Referendumsentscheidung gegen den Verbleib in der EU ausfalle, d. h., ob es sinnvoll sei, dass ein Premierminister, der entschieden fĂźr die EU-Mitgliedschaft sei, die Bedingungen des Ausscheidens aus der EU aushandeln solle. Die Frage von Douglas Carswell am 13. April 2016 im Unterhaus, ob Cameron noch Premierminister bleiben werde, falls das Referendum gegen die EU ausfalle, beantworte Cameron mit einem knappen âYes!â.cite-ref-111[110] Auch Minister aus seinem Kabinett, die fĂźr den Brexit warben, wie Chris Grayling und Theresa Villiers sprachen sich dafĂźr aus, dass Cameron auch bei einem Brexit als âTeil eines Teamsâ weiter Premierminister bleiben solle; andere äuĂerten Zweifel. Der ehemalige Schatzkanzler Kenneth Clarke meinte, der Premierminister wĂźrde âkeine 30 Sekunden mehr im Amt bleibenâ, falls er das Referendum verlĂśre (ââŚwouldnât last 30 seconds if he lost the referendumâ).cite-ref-112[111]
Minister
Nachdem David Cameron seine Verhandlungen in BrĂźssel mit den EU-Partnern abgeschlossen hatte, verkĂźndete er am Folgetag, dem 20. Februar 2016 den Termin des Referendums und richtete gleichzeitig einen Appell an die Wählerschaft, fĂźr einen Verbleib in der EU zu stimmen. Dies war gewissermaĂen auch der Startschuss fĂźr die Mitglieder seines Kabinetts, die eigenen Standpunkte deutlich zu machen. Zuvor waren die meisten Minister mit dem Argument diszipliniert worden, dass sie angesichts der noch laufenden Verhandlungen noch kein Urteil fällen, sondern erst das Ergebnis derselben abwarten sollten.
| Kabinettsmitglied | Posten | Verbleib in der EU |
|---|---|---|
| David Cameron | Premierminister | Ja |
| George Osborne | Schatzkanzler (Chancellor) | Ja |
| Theresa May | Innenministerin (Home Secretary) | Ja |
| Philip Hammond | AuĂenminister (Foreign Secretary) | Ja |
| Sajid Javid | Minister fĂźr Wirtschaft, Innovation und Qualifizierung (Business, Innovation and Skills Secretary) | Ja |
| Stephen Crabb | Minister fĂźr Wales (Welsh Secretary) | Ja |
| Justine Greening | Ministerin fĂźr Internationale Entwicklungszusammenarbeit (International Development Secretary) | Ja |
| Jeremy Hunt | Gesundheitsminister (Health Secretary) | Ja |
| Greg Clark | Minister fĂźr kommunale Angelegenheiten und Ăśrtliche Selbstverwaltung (Communities and Local Government Secretary) | Ja |
| Patrick McLoughlin | Verkehrsminister (Transport Secretary) | Ja |
| Liz Truss | Umweltminister (Environment Secretary) | Ja |
| Oliver Letwin | Kanzler des Herzogtums Lancaster (Chancellor of the Duchy of Lancaster) | Ja |
| Nicky Morgan | Bildungsminister (Education Secretary) | Ja |
| David Mundell | Minister fĂźr Schottland (Scotland Secretary) | Ja |
| Baroness Stowell | Vorsitzende des Oberhauses (House of Lords Leader) | Ja |
| Michael Fallon | Verteidigungsminister (Defence Secretary) | Ja |
| Amber Rudd | Ministerin fĂźr Energie und Klimawandel (Energy and Climate Change Secretary) | Ja |
| Iain Duncan Smith | Minister fßr Arbeit und Pensionen (am 18. März 2016 zurßckgetreten) (Work and Pensions Secretary) | Nein |
| Chris Grayling | FĂźhrer im Unterhaus (Leader of the House of Commons) | Nein |
| John Whittingdale | Minister fĂźr Kultur, Medien und Sport (Culture, Media and Sport Secretary) | Nein |
| Theresa Villiers | Ministerin fĂźr Nordirland (Northern Ireland Secretary) | Nein |
| Michael Gove | Justizminister (Justice Secretary) | Nein |
Parlamentsabgeordnete
Mit Stand vom 21. März 2016 hatten sich 162 konservative Unterhausabgeordnete fßr den Verbleib in der EU und 130 dagegen ausgesprochen. Bei der Labour Party lag das Verhältnis bei 215:7.
FĂźr den Verbleib in der EU sprachen sich alle Abgeordneten der Scottish National Party (54), der Liberal Democrats (8), der nordirischen SDLP (3) und der walisischen Plaid Cymru (3) aus. Dagegen war die gesamte Fraktion der nordirischen Democratic Unionist Party (8).
Einige Abgeordnete hatten ihre Meinung nicht Ăśffentlich gemacht.cite-ref-mps-114-1[113]
Britische Medien
| Presseorgan | Verbleib in der EU | Ref. |
|---|---|---|
| The Economist | Ja | [ 114 ] |
| The Guardian | Ja | |
| The Observer | Ja | [ 115 ] |
| Financial Times | Ja | [ 116 ] |
| Daily Express | Nein | [ 117 ] |
| Daily Mail | Nein | |
| The Spectator | Nein | [ 118 ] |
| The Sun | Nein | [ 119 ] [ 120 ] |
Gibraltar
Auch die Bewohner Gibraltars waren bei dem Referendum wahlberechtigt. Im Gegensatz zum Vereinigten KĂśnigreich bestand unter den dortigen Politikern weitgehender Konsens, dass das Verbleiben in der Europäischen Union die gĂźnstigere Perspektive wäre. Chief Minister Fabian Picardo, der ParteifĂźhrer der Gibraltar Socialist Labour Party (GSLP), meinte in einer Stellungnahme, dass es fĂźr Gibraltar âkeine vernĂźnftige Alternativeâ zur EU-Mitgliedschaft gebe. Sein Stellvertreter Joseph Garcia, ParteifĂźhrer der Liberal Party (LPG), stimmte dem zu und auch der OppositionsfĂźhrer Daniel Feetham der Gibraltar Social Democrats (GSD) begrĂźĂte das Ergebnis der Verhandlungen David Camerons mit seinen EU-Partnern.cite-ref-122[121]
Internationale Sicht im Vorfeld
Fast alle groĂen internationalen Institutionen und Staaten sprachen sich fĂźr ein Verbleiben des Vereinigten KĂśnigreichs in der EU aus. US-Präsident Barack Obama machte bei seinem Staatsbesuch im Vereinigten KĂśnigreich vom 22. bis 25. April 2016 unmissverständlich deutlich, dass die Vereinigten Staaten ein Verbleiben des Vereinigten KĂśnigreichs in der EU bevorzugten. Das Vereinigte KĂśnigreich mĂźsse sich im Falle eines Verlassens der EU âganz hinten in der Warteschlange anstellenâ (âat the back of the queueâ) und kĂśnne ungeachtet der special relationship zwischen beiden Staaten nicht damit rechnen, beim Abschluss eines Handelsvertrages bevorzugt behandelt zu werden. Das Vereinigte KĂśnigreich besitze innerhalb der EU ein grĂśĂeres politisches Gewicht als auĂerhalb. Die FĂźhrer der Brexit-Kampagne kritisierten die ĂuĂerungen. Nigel Farage unterstellte Obama aufgrund seines kenianischen Vaters eine unterschwellig anti-britische Haltung.cite-ref-123[122] Der japanische Premierminister Shinzo Abe warnte bei einem Staatsbesuch am 5. Mai 2016, dass ein Brexit dazu fĂźhren kĂśnnte, dass weniger japanische Investitionen ins Vereinigte KĂśnigreich flĂśssen.cite-ref-124[123] Auf dem G7-Gipfel in Ise-Shima 2016 verabschiedeten die Staats- und Regierungschefs eine gemeinsame Erklärung, in der es hieĂ, dass âein Ausscheiden des Vereinigten KĂśnigreichs aus der EU den Trend zu verstärktem globalen Handel, Investitionen und die damit geschaffenen Arbeitsplätze umkehrenâ und ein âweiteres ernsthaftes Risiko fĂźr Wirtschaftswachstumâ darstellen wĂźrde.cite-ref-125[124] Die Organisation fĂźr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sprach in einer Analyse davon, dass ein EU-Austritt einer zusätzlichen Steuer (âBrexit taxâ) gleichkäme.cite-ref-126[125] Der Internationale Währungsfonds (IMF) warnte ebenfalls vor einem Brexit, der der Wirtschaft Europas und der Welt schweren Schaden zufĂźgen kĂśnne.cite-ref-127[126]
Russland gab keine offizielle Stellungnahme ab. In den Medien wurde aber Präsident Wladimir Putin unterstellt, dass er ein Ausscheiden des Vereinigten KĂśnigreichs aus der EU begrĂźĂen wĂźrde, da dies seinem politischen KalkĂźl einer Schwächung der EU bis hin zu deren AuflĂśsung in Einzelstaaten entgegenkäme.cite-ref-128[127]cite-ref-129[128]cite-ref-130[129] Tatsächlich konnte im Nachhinein sogar, wie später auch bei den US-Wahlen in diesem Jahr, eine gezielte russische Einflussnahme zugunsten der Brexit-BefĂźrworter nachgewiesen werden. Diese wurde mutmaĂlich von der Einheit 29155 des russischen Militärnachrichtendienstes GRU durchgefĂźhrt.cite-ref-131[130]cite-ref-132[131]
Verschiedene internationale Medien sprachen sich fĂźr einen Verbleib des Vereinigten KĂśnigreiches in der EU aus und verwiesen auch auf prominente Brexit-Gegner aus GroĂbritannien. Hohe internationale und mediale Resonanz erhielt ein Beitrag des in den USA wirkenden britischen Komikers John Oliver, der in seiner Sendung Last Week Tonight vier Tage vor dem Referendum in einem viertelstĂźndigen Beitrag auf die Argumente der Brexit-BefĂźrworter einging und fĂźr einen Verbleib in der EU plädierte. Sein Beitrag wurde wenige Stunden später im Internet verĂśffentlicht und aufgrund seiner hohen Aufrufzahl weltweit in den Medien aufgegriffen.cite-ref-133[132] Eine Vielzahl zivilgesellschaftlicher Initiativen in ganz Europa sprachen sich ebenfalls fĂźr den Verbleib des Vereinigten KĂśnigreiches in der EU aus. Darunter der offene Brief "#EuropeLovesUK", den Ăźber 57.000 Menschen online unterschrieben und Facebook-Kampagnen, wie "Britain, please stay" oder "#Wewouldmissyou".cite-ref-134[133]cite-ref-135[134]cite-ref-136[135]
Ergebnisse
â
Hauptartikel
:
Wahlergebnisse des Referendums ßber den Verbleib des Vereinigten KÜnigreichs in der Europäischen Union
Registrierte Wähler und Wahlbeteiligung
Am 21. Juni 2016, zwei Tage vor der Abstimmung gab die britische Wahlkommission (Electoral Commission) die Zahl der Wähler bekannt, die sich bis zum 9. Juni 2016 (dem Ausschlusstermin) fĂźr die Wahl registriert hatten. Insgesamt waren 46.475.420 Wahlberechtigte in die Wahlregister eingetragen, mehr als zwei Millionen Wähler mehr als bei der letzten Unterhauswahl 2015 (damals 44.441.081) und die grĂśĂte Zahl an Wählern in der Geschichte britischer Wahlen.cite-ref-137[136]
Abgestimmt haben letztendlich 33.578.016 Wähler, die Wahlbeteiligung betrug damit 72,2 %. AbzĂźglich 26.033 ungĂźltiger Stimmen wurden dann 33.551.983 Stimmen ausgewertet. Ăber die Wahlbeteiligung nach Alter gibt es unterschiedliche Angaben: Laut Sky Data stieg die Beteiligung am Referendum mit dem Alter der Wähler, insbesondere die Altersgruppe der unter 25-Jährigen blieb der Abstimmung demnach mehrheitlich fern.cite-ref-skydatatweet-138-0[137] Nach einer Untersuchung der London School of Economics lag die Beteiligung, bezogen auf die registrierten Wähler, in der jĂźngeren Altersgruppe deutlich hĂśher.cite-ref-londonschoolofeconomics-139-0[138]
Gesamtergebnis
| Abstimmung fĂźr | Stimmen | Prozent |
|---|---|---|
| Verbleib in der EU | 16.141.241 | 48,11 |
| Austritt aus der EU | 17.410.742 | 51,89 |
| GĂźltige Stimmen | 33.551.983 | 99,92 |
| UngĂźltige Stimmen, leere Stimmzettel | 26.033 | 0,08 |
| Stimmen Gesamt | 33.578.016 | 100,00 |
| Registrierte Wähler und BeteiliÂgung | 46.499.537 | 72,21 |
Reaktionen auf das Referendum
Unmittelbare Reaktionen
Am Morgen nach dem Referendum kĂźndigte Premierminister Cameron seinen RĂźcktritt fĂźr Oktober 2016 an.cite-ref-140[139]
In einer gemeinsamen Erklärung forderten EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der Präsident des Europäischen Rates Donald Tusk, der Präsident des Europäischen Parlaments Martin Schulz, und der Ratspräsident und niederländische Premierminister Mark Rutte die britische Regierung auf, dem Wunsch der britischen Wähler zu entsprechen und keine Zeit zu verlieren, um die Zeit der Unsicherheit zu verkßrzen.cite-ref-reaction1-141-0[140]
Die Erste Ministerin Schottlands, Nicola Sturgeon, fand es inakzeptabel, dass Schottland automatisch mit England aus der EU austreten solle, obwohl die schottischen Wähler mehrheitlich fĂźr einen Verbleib gestimmt hätten. Ihr zufolge sei ein erneutes Referendum Ăźber die Unabhängigkeit Schottlands âsehr wahrscheinlichâ.cite-ref-142[141]
Auch in Nordirland gibt es nach dem Referendum Bestrebungen, aus dem Vereinigten KÜnigreich auszutreten. Die irisch-republikanische Partei Sinn FÊin forderte ein Referendum in Nordirland, welches ßber die Wiedervereinigung mit der Republik Irland entscheiden sollte.cite-ref-143[142] Es wurde auch vereinzelt ßber eine ungewÜhnlich hohe Zahl von Anträgen auf Ausstellung eines Passes der Republik Irland fßr Bßrger Nordirlands berichtet.cite-ref-144[143]
Die spanische Regierung forderte angesichts des sehr pro-europäischen Votums der BevÜlkerung von Gibraltar die Einrichtung einer gemeinsamen britisch-spanischen Verwaltung von Gibraltar.cite-ref-145[144]
Einige rechtspopulistische Parteien in Europa, wie AfD (Deutschland), FPĂ (Ăsterreich), FN (Frankreich) und PVV (Niederlande), nahmen den Brexit positiv auf. FN und PVV forderten nach Bekanntwerden des Ergebnisses ebenfalls Referenden in ihren Ländern.cite-ref-reaction1-141-1[140]cite-ref-146[145]
Entwicklungen in den politischen Parteien
Am 30. Juni 2016 gab Boris Johnson Ăźberraschend bekannt, er strebe nicht das Amt des britischen Premierministers an (das mit dem Amt des Vorsitzenden der Conservative Party verknĂźpft ist). Bei der Bewerbung um die Nachfolge David Camerons ging Theresa May siegreich aus den parteiinternen Abstimmungsrunden hervor. Sie wurde am 13. Juli Premierministerin und stellte ein neues Kabinett zusammen.
Am 4. Juli 2016 kßndigte Nigel Farage ßberraschend seinen Rßcktritt als UKIP-Vorsitzender an. Farage und Johnson gelten als die beiden Politiker, die am stärksten zur Wählermehrheit fßr einen Brexit beigetragen haben.cite-ref-147[146]cite-ref-148[147]
In der Labour Party fand ein Machtkampf statt. Mehrere Abgeordnete kĂźndigten an, ein Misstrauensvotum gegen den Vorsitzenden Jeremy Corbyn anzustreben, dessen wenig engagierten Wahlkampf sie fĂźr den Ausgang der Abstimmung mit verantwortlich machten.cite-ref-149[148] Angela Eagle kĂźndigte ihre Kampfkandidatur gegen Jeremy Corbyn an.cite-ref-150[149]
Wirtschaft
Infolge des Ergebnisses des Referendums fiel der Kurs des britischen Pfunds von 1,50 US-Dollar am Abend des Abstimmungstages auf 1,32 US-Dollar am 27. Juni 2016, den niedrigsten Wechselkurs zum US-Dollar seit 31 Jahren und ein Minus von 12 Prozent. Der FTSE 250 Index, der vor allem britische Werte enthält, fiel am Freitag, den 24. Juni 2016 um 7 % und am darauffolgenden Montag erneut um weitere 7 %, was dem hĂśchsten Verlust seit 29 Jahren entsprach.cite-ref-151[150] Am 29. Juni 2016 erreichte der Index wieder das Niveau vor dem Referendum.cite-ref-152[151] Laut Berichten einiger Wirtschaftsmedien hatte der Pfund-Kursverlust den statistischen Nebeneffekt, dass die Volkswirtschaft des Vereinigten KĂśnigreichs auf der Liste der weltgrĂśĂten Volkswirtschaften kurzzeitig vom fĂźnften Platz auf den sechsten Platz (hinter Frankreich) rutschte, das es 2014 âĂźberholtâ hatte.cite-ref-153[152]cite-ref-154[153] GroĂe Ratingagenturen senkten das Rating des UK: Standard & Poorâs von AAA auf AA, Fitch von AA+ auf AA, und Moodyâs setzte seinen Ausblick auf ânegativâ herab.cite-ref-155[154]
Online-Petition fĂźr ein zweites Referendum
Als das Ergebnis des Referendums bekannt wurde, erhielt eine im Internet durchgefĂźhrte Petition Zuspruch, die auf eine Wiederholung des Referendums abzielte. Die Petition war schon am 25. Mai gestartet worden,cite-ref-petition-parliament-uk-156-0[155] mehr als vier Wochen vor dem Referendum.cite-ref-157[156] Der Text der Petition lautete:
âWe the undersigned call upon HM Government to implement a rule that if the Remain or Leave vote is less than 60 per cent based a turnout less than 75 per cent there should be another referendum.â
âWir, die Unterzeichner, fordern die Regierung auf, folgende Regelung zu treffen: Wenn das Abstimmungsergebnis zugunsten von Bleiben oder Verlassen weniger als 60 Prozent beträgt bei einer Wahlbeteiligung von weniger als 75 Prozent, soll ein zweites Referendum stattfinden.âcite-ref-petition-parliament-uk-156-1[155]
Die Abstimmung wurde auf einer Website durchgefßhrt, die gemeinsam von der britischen Regierung und dem britischen Parlament betrieben wird. Die Zahl der Unterschriften ßberschritt am 24. Juni die Schwelle von 100.000 Stimmen, demnach muss die Petition im Parlament debattiert werden. Zusätzlich ist die Regierung verpflichtet, mit einer Üffentlichen Stellungnahme darauf zu antworten.cite-ref-158[157]cite-ref-159[158] Am 25. Juni hatten bereits zwei Millionen britische Bßrger oder dort lebende Ausländer die Petition unterschrieben, am 27. Juni waren es 3,6 Millionen. Das Fehlen eines Captcha-Identifikationstests auf der Abstimmungsseite ermÜglichte es Bots, automatisch tausendfach abzustimmen. Zehntausende Stimmen wurden als manipuliert erkannt und entfernt.cite-ref-160[159]
Am 9. Juli teilte das AuĂenministerium mit, dass die Regierung das Anliegen der Petition ablehne; das Ergebnis des Referendums vom 23. Juni mĂźsse respektiert und umgesetzt werden.cite-ref-161[160] Formal ist das House of Commons der Adressat der Petition. Ihm wird vom britischen Petitionsrecht auferlegt, beim Ăberschreiten der Marke von 100.000 Unterschriften eine Stellungnahme Ăźber die Aufnahme einer Parlamentsdebatte abzugeben.cite-ref-petition-parliament-uk-156-2[155] Bis zum 10. Juli gaben vier Millionen Internet-User der Petition ihre Stimme (mehr als 77.000 gefälschte Signaturen wurden festgestellt). Am 12. Juli gab das fĂźr Petitionen zuständige Komitee im House of Commons bekannt, dass am 5. September Ăźber den Vorschlag der Petition in Westminster Hall debattiert werde. Das Komitee wies aber darauf hin, dass diese Debatte nicht zu einer Entscheidung des House of Commons Ăźber ein zweites Referendum fĂźhren werde. Es sei auch nicht mĂśglich, die Regeln fĂźr das Referendum, das bereits stattgefunden habe, nachträglich zu ändern. Es liege im Ermessen der Regierung, ob sie ein zweites Referendum in Gang setzen wolle.cite-ref-petition-parliament-uk-156-3[155]cite-ref-162[161]
Theorien zum Ausgang des Referendums
Es bestehen vielfältige Erklärungsversuche, wieso es zum Austrittsvotum der Wahlberechtigten des Vereinigten KÜnigreichs kam.
EU-bezogene Interpretation
Der irische Historiker Brendan Simms (Universität Cambridge) diagnostizierte bereits im Juli 2015 im Interview mit der Basler Zeitung, dass die Briten wenig Interesse an einer Vertiefung des europäischen Verbunds hätten, weil sie dies âgar nicht nĂśtigâ hätten: Europa sei die LĂśsung fĂźr ein Problem, welches das Vereinigte KĂśnigreich im Gegensatz zu den Ländern des Kontinents nie gehabt habe. Während Britannien seit Jahrhunderten keine militärische Niederlage erlitten habe, seien in Kontinentaleuropa fast alle Staaten mit Ausnahme der Schweiz in verschiedenen Kriegen besiegt oder besetzt worden, seien Täter oder Opfer gewesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe sich in Kontinentaleuropa berechtigterweise die Ansicht durchgesetzt, dass es mit der nationalen Politik so nicht weitergehen kĂśnne. Die Briten bräuchten Europa nicht. Eher schon bräuchte Europa das Vereinigte KĂśnigreich.cite-ref-163[162]
Der schweizerisch-britische Historiker Oliver Zimmer (Universität Oxford) empfahl wenige Tage nach dem Austrittsreferendum den âRĂźckbau der EUâ. FĂźr ihn liegt in der mangelnden Selbstbestimmung der Mitgliedstaaten der EU als Folge der zu weit fortgeschrittenen Europäischen Integration der Grund fĂźr den Austritt des Vereinigten KĂśnigreichs. Im Unterschied zu Simms ist fĂźr ihn entscheidend, dass die Menschen in Europa insgesamt wenig Interesse daran hätten, aus der Union einen âStaatâ werden zu lassen und ihre originären Nationalstaaten dafĂźr aufzugeben. Er sprach sich daher fĂźr eine punktuelle Umkehr der Integration aus: Abschaffung der Währung Euro und Abschaffung der PersonenfreizĂźgigkeit.cite-ref-164[163]
Interpretation Ăźber nationale Krisenerscheinungen
Der britische Germanist Nicholas Boyle (Universität Cambridge) erklärt den Brexit als Ergebnis einer Krise der englischen Identität, die entstanden sei, weil es keine Vergangenheitsbewältigung gegeben habe. Die Identität basiere auf dem englischen Nationalismus und den Konzepten der Britishness und des British exceptionalism, welche sich ihrerseits aus einer imperialistischen Vorstellung vom britischen Weltreich nährten. Mit diesen Konstrukten hätten die Engländer andere Nationen auf den Britischen Inseln Ăźberzeugt, die Waliser, Schotten und Iren bzw. Nordiren, sich an der Errichtung des britischen Weltreichs zu beteiligen. Das unverarbeitete Trauma des Untergangs des Weltreichs habe eine âenglische Psychoseâ, eine narzisstische StĂśrung verursacht. Das Leave-Votum sei von nachwirkenden Vorstellungen der Bevorzugung und einer Nostalgie von der globalen Rolle Englands geprägt gewesen. Auf dieser Grundlage werden die Globalisierung des Vereinigten KĂśnigreichs und ein AnknĂźpfen an das Konzept des Commonwealth of Nations als Alternative zur Europäischen Union beworben.cite-ref-165[164]cite-ref-166[165]
Der britische Philosoph Raymond Geuss (Universität Cambridge) erklärt das Ergebnis des Brexit-Referendums als einen âWutausbruchâ benachteiligter Menschen, vor allem in den von Deindustrialisierung betroffenen Gebieten Englands. Den AustrittsbefĂźrwortern sei es gelungen, die EU zum SĂźndenbock des Elends dieser Gruppe zu machen. Ein weiterer Faktor sei eine handfeste Fremdenfeindlichkeit gewesen, welche als euroskeptische Stimmung aufgeflammt sei, nachdem sich die EU unfähig gezeigt habe, die FlĂźchtlingskrise in Europa zu bewältigen.cite-ref-167[166]
Zu den sachlichen Fragen Ăźber wirtschaftlichen und politischen Nutzen der EU-Mitgliedschaft fĂźr das Vereinigte KĂśnigreich gesellte sich ein jahrelanger, europaweiter Aufschwung rechtspopulistischer Tendenzen sowie eine Anti-Establishment-Stimmung.cite-ref-168[167] Der Gegensatz zwischen âliberalen Internationalistenâ und âautoritären Nationalistenâ steht im Verdacht, die Wahlentscheidung sowohl der Brexiteers wie der EU-BefĂźrworter stärker beeinflusst zu haben als sachliche Nutzenabwägungen.cite-ref-169[168]
Geldpolitische Interpretation
Die zunehmend lockeren Geldpolitiken der Bank of England und der Europäischen Zentralbank werden fĂźr den Schwund von Produktivitätsfortschritten und Wachstum verantwortlich gemacht; die Verteilungsungleichheit sei erhĂśht. Daraus sei unter wachsenden BevĂślkerungsschichten eine schwelende Unzufriedenheit entstanden, die eine politische Polarisierung und Protestabstimmungen wie den Brexit begĂźnstige. Weitere Austritte aus der EU seien nicht auszuschlieĂen, wenn die Geldpolitiken in Europa weiter expansiv bleiben.cite-ref-170[169]
Austrittsverfahren
â
Hauptartikel
:
EU-Austritt des Vereinigten KĂśnigreichs
Am 29. März 2017 ßbermittelte Theresa May, Premierministerin des Vereinigten KÜnigreichs, das Austrittsgesuch gemäà Artikel Art. 50 EU-Vertrag von Lissabon an EU-Ratspräsident Donald Tusk und leitete damit den EU-Austritt des Vereinigten KÜnigreichs ein.cite-ref-austritt-3-1[3]cite-ref-171[170] Der EU-Austritt erfolgte am 31. Januar 2020 (23.00 UTC, 24.00 MEZ).
Weblinks
Commons
: EU-Mitgliedschaftsreferendum im Vereinigten KĂśnigreich
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wikinews: GroĂbritannien stimmt fĂźr den Brexit
â Nachricht
⢠EU Referendum. Website der BBC (englisch)
⢠Ergebnisse. Website der BBC, Ergebnisse (englisch)
Einzelnachweise
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